Die Entdeckung der Langsamkeit – Slow Food und Slow Cities

Ich bin mir selbst ein Freund. Ich nehme ernst, was ich denke und empfinde. Die Zeit, die ich dafür brauche, ist nie vertan. Dasselbe gestehe ich auch den anderen zu.

                        Sten Nadolny

  1. Slow Food und Slow Cities
  2. Das richtige Maß
  3. Fast steht für zwanghaft, Slow für frei!
  4. Die Idee der langsamen Stadt – Citta Slow
  5. Kollektiv eine neue Balance finden
  6. Sabbat

Bei einem Italienurlaub stand ich vor einer großen Theke im Lebensmittelmarkt. Parma­schinken, Parmesan, Pesto – all die Herrlichkeiten waren gut sichtbar ausgebreitet. Ich wollte nur eben schnell mal unser Abendessen einkaufen. Doch vor mir stand eine ältere Dame, die ihre Augen in aller Ruhe umherschweifen ließ, nach diesem und jenem fragte, schließlich eine Scheibe probierte, den Kopf hin- und herwiegte, um dann doch etwas anderes zu wählen. Der Mann hinter der Theke packte umständlich den Schinken aus und schnitt langsam Schnitt für Schnitt hauchdünne Scheiben ab. Dabei legte er noch zwi­schen jede Scheibe eine Folie. Ich wurde langsam unruhig, trommelte mit den Fingern auf der Theke und schaute reflexartig auf die Uhr. Völlig unbeeindruckt wandte sich die alte Dame jetzt dem Käse zu – schauen, fragen, probieren, wählen – mein Gott und das dauert… Irgendwann fiel mir ein, dass ich ja im Urlaub war, alle Zeit der Welt hatte und dass es hier an der riesigen Theke eine Menge zu entdecken gab. Als ich schließlich dran war, wählte ich ganz nach dem Beispiel der kundigen Dame in aller Ruhe aus, nicht ohne vorher zu probie­ren, lächelte der Bedienung freundlich zu und spürte, dass ich jetzt wirklich im Urlaub ange­kommen war.

Zweifelsohne ist das Tempo in unserer Gesellschaft hoch beschleunigt, in der Arbeit, in der Freizeit – auch in unserem Innern. Ein Leben auf der Achterbahn. Drei große Felder der Beschleunigung hat der Soziologe Hartmut Rosa ausgemacht: Technische Beschleunigung, Beschleunigung des sozialen Wandels, Beschleunigung des Lebenstempos. „Die soziale Beschleunigung in der Moderne ist zu einem sich selbst antreibenden Prozess geworden, der in gleichsam zirkulärer Form die drei Beschleunigungsbereiche in ein wechselseitiges Steigerungsverhältnis setzt. Beschleunigung innerhalb dieses Zirkels erzeugt daher stets und unvermeidlich mehr Beschleunigung, sie wird zu einem sich selbst verstärkenden Feedbacksystem.“ (243). Können wir dieses Tempo reduzieren? Wie kommen wir zur Besinnung? Wie gelangen wir vom Reagieren wieder in ein Agieren, werden proaktiv statt reaktiv? Wie können wir die diversen Krisen der Moderne zum Lernen nutzen statt zu bloßem Krisenmanagement?

Der große Antreiber bei der Beschleunigung ist sicher der weltweite Wettbewerb, verstärkt durch moderne Telekommunikationsmöglichkeiten. Nicht wenige Bürger – vielleicht sogar in wachsender Zahl aktivieren die Gegenmittel. Sie beginnen mit einem Internet-Fasten, fragen im Hotel, ob es ein Zimmer ohne Fernseher gibt, gehen ins Kloster. „Wir sind auf Monate hin ausgebucht“, wundert sich ein Gästepater der Benediktiner. Als Pionier ging Rolf Dobelli (Die Kunst des klugen Denkens) voran: Keine News mehr. Zeitungen gekündigt. Fernseher und Radio entsorgt. „Die ersten Wochen waren hart. Doch nach einer Weile stellte sich ein neues Lebensgefühl ein. Das Ergebnis nach drei Jahren: klareres Denken, wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen und viel mehr Zeit. Und das Beste: Noch nie habe ich etwas Wichtiges verpasst.“ (Dobelli 209)

Slow Food und Slow Cities

1989 war die Gründungsversammlung der internationalen Slow-Food-Bewegung in Paris. Der Journalist Carlo Petrini und andere aus der italienischen Provinz Piemont waren bereits länger für regionale Produkte und Produktionsweisen engagiert. Sie wollten den Geschmack bilden, die Vielfalt kultivieren, die lokale Kultur verschiedener Gebiete erhalten. Der Name Slow Food entstand anlässlich der Eröffnung einer McDonald’s-Filiale an der Piazza di Spagna in Rom, bei der italienische Köche zur Versinnbildlichung der regionalen Küchentradition Spaghetti, als Gegenmodell zur Verbreitung des Fast Food kochten. „Es geht darum, das Geruhsame, Sinnliche gegen die universelle Bedrohung durch das »Fast Life« zu verteidigen. Dagegen setzen wir den Bazillus des Genusses und der Gemütlichkeit, was sich in einer geruhsamen und ausgedehnten Lebensfreude manifestiert. Fangen wir gleich bei Tisch mit Slow Food an. Als Antwort auf die Verflachung durch Fastfood entdecken wir die geschmackliche Vielfalt der lokalen Gerichte.“ (Gründungs-Manifest)

1999 erfolgte in Italien eine weitere Gründung: die Slow-City–Bewegung, ins Leben gebracht durch Bürgermeister einiger Städte wie Chianti, Orvieto, Bra, Positano. Inzwischen sind weltweit viele Städte unter 50.000 Einwohner Mitglieder. Was sie sich als „langsame Städte“ auf die Fahnen schreiben, haben sie knapp zusammengefasst.

  1. Die charakteristische Stadtstruktur muss erhalten und wiederhergestellt werden,
  2. die Stadt betreibt eine nachhaltige Umweltpolitik,
  3. regionaltypische Produkte werden hergestellt und Nahrungsmittel aus der Region auf Wochenmärkten der Bevölkerung nahegebracht,
  4. Bürger und Stadt pflegen Kultur, Tradition und Brauchtum,
  5. aktive Bürger erforschen die Stadtgeschichte und schaffen Identität,
  6. Gastfreundschaft ist selbstverständlich,
  7. die Stadt tut alles dafür, das Bewusstsein dafür zu schärfen, was es heißt, in einer Slow City zu leben.

Slow meint mehr als Öko und Bio. Es geht um unseren Lebensstil, um eine Haltung, um eine Kultur. Klar, Für manche klingt Slow lahm und spießig. Sie übersetzen das Wort dann als lebenswert. Aber das ist ja nicht mehr als plattes Marketing-Deutsch. Der Begriff Slow hat dagegen einen gewissen Pfiff. Es ist der Gegenbegriff zu Fast Food und Fast Living und es ist eine Metapher. Mit dem Bild der Schnecke (im Logo von Slow-Food und Slow-City) provoziert sie uns zum Nachdenken über unseren Lebensstil – nicht nur als einzelne Personen sondern auch als Gemeinwesen. Slow schafft viele Assoziationen und ermöglicht verschiedene Übersetzungen in den Alltag.

Aufmerksam

Irgendwann zog ich mit meiner kleinen Tochter los. Bald hielt es sie nicht mehr im Kinderwagen. Aber dann wurde es langsam. Jede Blume wurde begutachtet, jeder Stein umgedreht, jeder Käfer staunend begrüßt. Natürlich wurde ich nervös und fing an zu drängeln. Bis ich kapierte, dass jetzt ein anderes Tempo angesagt war. Schließlich musste ich zugeben, dass ich seit vielen Jahren nicht mehr so viel bei einem Spaziergang wahrgenommen hatte. Eine „Gymnastik der Aufmerksamkeit“ (Simone Weil).

Nachdenklich

Schon das Wort signalisiert, dass es um einen langsamen Vorgang geht. Sich an Geschehenes erinnern, es be-denken. Denken braucht Zeit. Die sogenannten Schnell-Denker sind eben keine Denker. Vielleicht haben sie ein paar Gehirnwindungen, die es ihnen ermöglichen, bestimmte Sachverhalte in kurzer Zeit zu erfassen. Denken ist etwas anderes: Verschiedene Perspektiven einnehmen, das Für und Wider erwägen, Folgen bedenken, Chancen und Risiken erkennen. Viele sagen, am besten geschieht das auf einem Spaziergang. Offensichtlich braucht es äußere und innere Ruhe. Beides muss man heute aktiv suchen, im Alltag gibt es sie nicht. Das Denken im Gehen alleine kann man ergänzen durch gemeinsames Denken – den Dialog. Ebenfalls ein langsamer Vorgang. Gerade angesichts komplexer Probleme, die uns herausfordern, braucht es dies dringend. Das Web hilft da nicht, denn es geht nicht um Wissen sondern um Weisheit. Nicht Fakten sind wesentlich, sondern der Zusammenhang, ein verbindendes Muster, nicht nur überlegen, auch empfinden. Reinhard Mohn der Unternehmer, der Bertelsmann groß gemacht hat, erzählte in einem Interview, dass er vor allen wichtigen Entscheidungen allein eine lange Wanderung gemacht und das Problem einfach durchdacht hat. Ganz einfach und doch offensichtlich schwierig für uns. Hand aufs Herz, wann haben Sie zum letzten mal in Ruhe und ungestört länger nachgedacht?

Lernfähig

Leben und Arbeiten bietet viele Lernchancen. Allerdings ist Lernen kein Automatismus. Wir alle wissen, dass man den selben Fehler immer wieder machen kann. Man muss reflektieren, was geschehen ist und daraus folgende Veränderungen sich bewusst vornehmen, verinnerlichen, verankern – alles langsame Vorgänge. Nur dann geschieht Reifung und Entwicklung. Unternehmen haben begriffen, dass sie das organisationale Lernen systematisieren müssen. „Eine “lernende Organisation” weitet kontinuierlich die Fähigkeit aus, ihre eigene Zukunft schöpferisch zu gestalten.“ (Peter Senge 24) Eine aktive Bürgergesellschaft ist nicht einfach eine Ansammlung von Bürgerinnen und Bürgern sondern eine Lernbewegung: Gelassen Probleme analysieren und gemeinsam nach angemessenen Lösungen suchen, auch wenn das einige Schleifen notwendig macht. Lernen als In-Frage-Stellung eingefahrener Verhaltensmuster, sogar als Reflexion des Lernvorgangs selbst (Deutero-Lernen Rolf Arnold). Was wollen wir lernen? Wie möchten wir lernen?

Gelassen

Dies beinhaltet das Loslassen-Können all der vielen unwichtigen Dinge, die uns im Griff haben, weil sie Kopf, Seele und Herz besetzt haben. Insbesondere gehört dazu auch, das eigene Ego nicht ganz so wichtig zu nehmen. Erst das ermöglicht die Fähigkeit zur Konzentration auf eine Sache. „Gelassenheit ist Ausdruck einer überaus konzent­rierten und gereiften Lebensform, die auch und gerade für das erfolgreiche Handeln in komplexen Strukturen wesentlich ist.“ (Rolf Arnold) Gelassene Menschen nehmen sich Zeit und Ruhe, weil sie erkannt haben, dass dies keine verschenkte Zeit ist, sondern dass gerade daraus Lösungen wachsen.

Genussvoll

Die Slow-Food-Bewegung weiß, dass genießen natürlich etwas ganz anderes ist als Nahrungsaufnahme. Auch etwas anderes als Vergnügen. Eher eine Kunst. Man muss einmal zuschauen, wie ein Genießer das Essen auf seinem Teller erst anschaut, den Duft riecht, und dann langsam isst und dem Geschmack nachspürt. In allen Kulturen ist eine Mahlzeit ein gemeinschaftlicher Vorgang, bei dem geredet und erzählt wird. Das braucht Zeit. „Ich möchte die Geschichte einer Speise kennen, ich möchte wissen woher die Nahrung kommt, ich stelle mir gern die Hände derer vor, die das, was ich esse, angebaut, verarbeitet und gekocht haben.“ (Carlo Petrini)

Der Einwand gegen all dies liegt auf der Hand: Schön und recht, sagen viele, wünsche ich mir auch – aber es geht nicht, nicht in unserer modernen Arbeitswelt. Ein Managementguru hat es so formuliert: „Es gibt heute nur noch zwei Sorten von Unternehmen – die Schnellen und die Toten“ (Tom Peters). Sie ahnen, was das für die Mitarbeiter bedeutet. Und natürlich geht das nach Dienstschluss so weiter.

Das richtige Maß

Jetzt aber mal langsam! Stimmt das wirklich? Sind wirklich nur die schnellen Unternehmen erfolgreich und nicht vielmehr die intelligenten – also jene, die alle Mitarbeiter vom Chef bis zum Praktikanten zum Denken und Lernen bringen, auch wenn das hin und wieder eine Verlangsamung bedeutet? Ohne Zweifel stehen Unternehmen durch Kunden und Wettbewerber unter Duck. Verlangt wird aber nicht nur Schnelligkeit, sondern auch Qualität und Innovation. Dies erfordert einen langsameren Gang. Wenn das schon für die Arbeitswelt gilt, dann erst recht für die Freizeit. Es zwingt uns niemand am Freitagnachmittag mal eben schnell übers Wochenende an den Gardasee zu fahren. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass ein hochbeschleunigter Lebensstil einfach unsere Gewohnheit geworden ist und wir es gar nicht mehr merken. Und wenn wir es merken, dann jammern wir, statt auf die Bremse zu drücken.

Slow ist nicht die Devise für die Feuerwehr und es gilt auch nicht für jede Tätigkeit im Alltag. Slow Life beginnt damit, dass ich unterscheiden lerne, wann die Zeit drängt und wann es langsam „schneller“ geht. Es kommt darauf an, das richtige Maß zu finden, der Sache um die es geht angemessen. Dies ist eine der vier Kardinaltugenden (neben Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit). Das deutsche Wort Maß riecht nach Enthaltsamkeit und Diät, lässt an Mittelmaß oder Mäßigkeit denken. Gemeint ist aber vielmehr engagiertes Kämpfen wie im Sport: die Geschwindigkeit variieren können, eine optimale Balance finden von Beschleunigung und Verlangsamung, intuitiv spüren, wann welches Tempo angesagt ist.

Fast steht für zwanghaft, Slow für frei!

Slow meint vor allem einen bewussten Lebensstil im Gegensatz zum bloßen Getrieben sein. Die Souve­ränität, selbst zu entscheiden, welches Tempo man geht, statt sich vermeintlichen Zwängen zu fügen. Das Problem des modernen Menschen ist nicht einfach die hohe Beschleunigung. Es ist der unsinnige Glaube, dies müsse so sein, rund um die Uhr, ständig, zu jeder Zeit, überall. Live fast! Viele können nach notwendigerweise hektischer Arbeit den Hebel nicht mehr umlegen. In ihrer freien Zeit drücken sie genauso aufs Gas. Am Sonntag legen sie so viele Kilometer zurück wie an Werktagen. Sie essen Austern und lesen dabei den Börsen­bericht (Auburtin). Fast steht für zwanghaft, Slow für frei! Slow meint eben nicht nur langsam als Gegenteil von schnell, sondern gelassen im Gegensatz zu getrieben, nachdenklich statt oberflächlich, lernfähig statt borniert, nachhaltig statt kurzle­big, genussvoll statt freudlos, aufmerksam im Gegensatz zu „immer noch mehr vom Selben“.

Die Idee der langsamen Stadt – Citta Slow

Città Slow provoziert Bürger in vielfältige Richtungen zum Nach­denken: Nachhaltig Denken, ressourcenschonend wirtschaften, Natur schützen, um sie auch morgen noch nützen zu können. Schöne Dinge erhalten und Traditionen bewahren, weil in ihnen Lebenswissen steckt. Märkte schaffen für vielfältige regionale Lebensmittel. Kinder- und seniorenfreundliche Stadtgestaltung und Verkehrspolitik entwickeln. Zeit für das Gespräch reservieren und den kreativen Streit, das Wahrnehmen verschiedener Sicht­weisen, das gründliche Ausdiskutieren von Problemen als elementare Bestandteile der Demo­kratie. Beschleunigung als Dauerzustand verhindert Denken und Debattieren; es ist der Weg in die Knechtschaft irgendwelcher angeblich alternativloser Optionen.

Kritiker der Demokratie monierten schon immer die Langsamkeit demokratischer Entscheidungsprozesse gegenüber der schnellen Führungskraft autoritärer Systeme. Wenn man Politik primär imperialistisch als Krieg mit anderen Staaten versteht, mag das richtig sein. In den letzten Jahrzehnten aber hat sich die Lernfähigkeit der Demokratien allen Diktaturen als weit überlegen gezeigt. Auch der bewundernde Blick mancher Wirtschaftsführer auf das autoritär geführte China zeugt nicht von solidem Denken. Das chinesische Wirtschaftswunder ist viel zu kurz, um es als bewährtes Modell anzupreisen. Die großen Bewährungsproben für das Reich der Mitte werden noch kommen. Verlangsamung heißt eben auch langfristig denken.

Kunst, Musik, Literatur gibt es nicht ohne Verlangsamung. Eine Stadt mit Kultur ist ein Ort, wo Künste gepflegt werden. Kultur meint vom Wortsinn her den langen Prozess, ein Feld zu bebauen. Dazu braucht es Räume, frei vom Druck des Produzieren-Müssens. Unsere Phantasie wacht auf, wenn wir Muße haben und stößt Türen auf, die das bloße empirische Kalkül übersieht. Slow steht auch für Festlichkeit, die alltägliche Routine durchbricht, Menschen für Vergan­genheit und Zukunft öffnet und dadurch ihre Freiheit erweitert.

Dem Wettbewerb auf den modernen globalisierten Märkten können wir uns nicht entziehen. Es sei denn als Aussteiger mit dem Risiko des Verarmens. Was wir aber können, ist unser Tempo besser ausbalancieren. Einen ausgewogenen Rhythmus finden zwischen Arbeit und Ruhe, Schnelligkeit und Langsamkeit, Werktag und Sonntag, Spannung und Entspannung, eilen und bummeln.

Wir brauchen eine Kultur der Verlangsamung. Dafür gibt es auch bewährte Instrumente. Vorstände und Räte – egal ob von Unternehmen, Kommunen oder Vereinen können auf Klausuren aus dem Alltag und aus ihren eingefahrenen Denkmustern herauskommen. Wandern wird inzwischen nicht umsonst zum Renner, was sich auch in ganzen Bücherbergen dazu zeigt. Es ist die einfachste und preiswerteste Form der Entschleunigung. Orte der Stille in lärmerfüllten Städten sind seit alters her die Kirchen. Ein religiös eher unmusikalischer Freund hat dies so formuliert: Ich habe lange gebraucht, um zu merken, dass eine Kirche nicht nur im Urlaub mit dem Kunstführer in der Hand interessant ist. Jetzt weiß ich schon, wann der Organist in der Kirche gegenüber von meinem Büro immer übt und freue mich auf eine halbe Stunde Zeit für mich. Der jüdische Sabbat, unser Sonntag ist wohl die älteste und wirksamste Form kollektiver Verlangsamung. Genau dies aber wird heute geopfert, weil ein paar Ruhelose unbedingt am Sonntag die Tiefkühltruhe füllen müssen.

Kollektiv eine neue Balance finden

Entschleunigung als persönliches Projekt kann trotz widriger Umstände auch in der Moderne gelingen. Wer will, der findet seine Chancen für eine Auszeit, ein Sabbatical, ein Hobby. Die Herausforderung für die Bürger-Gesellschaft heißt: Gelingt es uns, kollektiv eine neue Balance zu finden zwischen Beschleunigung und Verlangsamung? Orte der Verlangsamung schaffen: Stadtparks, Nationalparks, ein Labyrinth, die Sitzbank auf dem Marktplatz, ein Mahnmal. Zeiten der Entschleunigung reservieren: den Sonntag, die Fastenzeit, Advent, die Sommerferien, einen Tag der offenen Gärten. Rituale der Entschleunigung schaffen: Tag des Kindes, ein Konzert, ein Schweigemarsch, eine Gedenkfeier. Ein origineller Vorschlag heißt: Slow-Up. Das Rezept dafür ist so einfach wie überzeugend: Man nehme rund 30 km Straßen in einer attraktiven Landschaft, sperre sie einen Tag für den motorisierten Verkehr und sorge für ein vielseitiges Rahmenprogramm entlang der Strecke. Daraus wird ein Fest, anders als alle anderen: Jung und Alt, Familien und Singles, Bewegungsmenschen und Genussmenschen erleben die fröhliche Stimmung im autofreien Ambiente, Wir könnten uns wechselseitig anstecken mit Ideen und Erfahrungen. Jeder hat da einiges erlebt, das sich bewährt hat. zur Bewältigung. Statt Seminare zum Zeitmanagement gemeinsam Entschleunigungsoasen (Hartmut Rosa) schaffen. Und wir können Politik als kollektive Entscheidungsfindung verlangsamen: Für die Lösung wichtige Fragen und Probleme einen Zeitraum festlegen, diesen strukturieren, Dialog und Reflexion institutionalisieren.

Ein schwäbischer Unternehmer – die sind extrem schaffig – hat seinen Abteilungsleitern und Ingenieuren einen Denk-Tag einmal im Monat vorgeschlagen. Sie sollen raus aus der Firma, mit einem Notizbuch irgendwohin gehen. Seit dem, so erzählt er, kann er sich vor Verbesserungsvorschlägen und innovativen Ideen nicht mehr retten. Ein Bürgermeister berichtet stolz, dass er einen eigenen Think-Tank gegründet hat. Er trifft sich regelmäßig mit einigen Bürgern, um mit ihnen ohne Zeit- und Erfolgsdruck Ideen für die Stadt zu entwickeln. Die Verlangsamung wird ritualisiert, indem sie dabei jedes mal genussvoll einen guten Wein erproben.

Sabbat

Wenn Ihnen der Anglizismus Slow nicht gefällt, dann nehmen Sie mal ein Wort aus einer alten Sprache: Sabbat. Dieser Begriff aus der hebräischen Bibel meint das Gleiche. Mit den Worten des Sozialpsychologen Erich Fromm: „Am Sabbat lebt der Mensch als hätte er nichts, als verfolge er kein Ziel außer zu sein, d.h. seine essentiellen Kräfte auszuüben – beten, studieren, essen, trinken, singen, lieben.“ Und kritisch fügt er hinzu: „Der moderne Sonntag ist ein Tag des Vergnügens, des Konsums und des Weglaufens von sich selbst.“

Slow darf nicht nur eine Maxime für das persönliche Zeitmanagement sein. Es geht um eine gemeinschaftliche institutionalisierte Verlangsamung. Je mehr wir handeln, je folgenreicher unser Tun ist, desto häufiger sollten wir gründlich und ruhig nachdenken. Auch gemeinschaftlich. Ein Ethos bewusster Verlangsamung ist die Voraussetzung, um die enorme Dynamik der modernen Risikogesellschaft zu steuern. Ob wir unsere Freiheit wahren als Individuen aber auch politisch als Gemeinwesen, hängt wesentlich davon ab, ob es uns gelingt, uns weder von der Technik noch von der Wirtschaft bestimmte Geschwindigkeiten vorschreiben zu lassen. Wir müssen das Tempo bestimmen. Frei ist wer über seine Zeit verfügt.

Meinrad Bumiller

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