Ressource Ehrenamt – Überlegungen

Das Ehrenamt ist unverzichtbar für die soziale Kultur, heute gern als Zivilgesellschaft bezeichnet. Ehrenamtliches Engagement ist Ausdruck der Solidarität unter den Indivi­duen und – was meist zuwenig bedacht wird – schafft auch diese Solidarität. Zwischen Familie, Markt und Staat bilden die vielfältigen zivilgesellschaftlichen Akteure „soziales Kapital“. Dies befähigt Gesellschaften, Wohlstand aufzubauen und gerecht zu verteilen. Diese Akteure – Verbände, Vereine, Kirchen, Kammern, Parteien, Bewegungen, Netzwerke – aber funktionieren vor allem durch ehrenamtliches Engagement.

Eine Kathedrale bauen und nicht Steine schleppen

Warum engagiert sich jemand ehrenamtlich? Warum opfert jemand Zeit und verzichtet auf Geld? Zwei unterschiedliche Motive spielen dabei eine wichtige Rolle. Das eine könnte man Vision oder Mission nennen – das andere Herausforderung oder Aufgabe.

Menschen möchten für etwas sinnvolles arbeiten, für etwas, das größer ist als sie selbst. Sie wollen an einer Kathedrale mitbauen und nicht nur Steine schleppen. Sinnvoll ist eine Aufgabe, wenn sie offensichtlich Menschen hilft, wenn sie beiträgt, dass gemeinsame Lebensqualität entsteht. Dabei muss nicht gleich die ganze Welt verbessert werden. Es kann einfach sein, dass junge Menschen in einer Stadt eine anspruchsvolle Sportart lernen und betreiben können. Oder dass es auch im ländlichen Raum Musikveranstaltungen und Theater gibt. Eine kleine oder große Vision wird zur Mission, die antreibt.

Das andere Motiv kommt von der konkreten Tätigkeit. Weil ich gerne Ski fahre, engagiere ich mich im Ski-Club, weil ich gerne singe, schließe ich mich einem Chor an und bin dann irgendwann vielleicht im Vorstand. Weil es spannend ist, Menschen aus einem anderen Kulturkreis zu begegnen, helfe ich mit, dass Flüchtlinge aus Syrien Deutsch lernen können – und lerne dabei sogar etwas arabisch. Ehrenamtliche suchen Herausforderungen nicht Hilfsdienste. Im optimalen Fall verbinden sich Vision und Aufgabe und geben Kraft für ein dauerhaftes Engagement.

Auch ein Freizeitkicker will in einer guten Mannschaft spielen

Ehrenamtliche Arbeit ist in der Regel anspruchsvoll. Niemand wird ein Gefallen getan – am wenigsten den Ehren­amtlichen – wenn Qualifikation durch „good will“ ersetzt wird. Ehrenamtliche sind meist hochmotiviert, enthusiastisch, engagiert – manche fürchten: unqualifi­ziert, inkompetent unerfahren. Eben Amateure und keine Profis. Sie erinnern daran, dass das Gegenteil von gut nicht schlecht ist, sondern gut gemeint. Ehrenamtliche bringen natürlich viele Kompetenzen mit aus Familie und Beruf. Angesichts komplexer Aufgaben in der modernen Welt brauchen sie aber unbestreitbar Aus- und Weiterbildung, auch Teament­wicklung und Supervision. Permanente Qualifizierung kann nicht genug betont werden. Sie ist notwendig im Blick auf die Zielgruppen ehrenamtlicher Helfer – z.B. Menschen in sozialer Not, oder junge Menschen, die in einer sportlichen Disziplin aktiv sind. Aber sie ist auch entscheidende Voraussetzung dafür, dass das Ehrenamt attraktiv ist, dass es Spaß macht. Auch ein Freizeitkicker will in einer guten Mannschaft spielen!

Qualifiziertes Arbeiten wird nicht nur durch Trainings gefördert, sondern auch durch Aus­tausch und Diskussion. Wer heute das knappe Gut Zeit investiert, will dafür nicht unbedingt ein Honorar, aber ganz sicher will er eine Entwicklung für sich selbst. Und Entwicklung geschieht vor allem dialogisch. Diskussionsforen von Ehrenamtlichen, die herausfordern, in Frage stel­len, Lernen ermöglichen, sind eine notwendige Bedingung. Entwicklung geschieht, wo nicht länger nur der eigene „Kirchturm“ im Mittelpunkt steht, sondern der Hori­zont geweitet wird. Ehrenamtliche in einem Verband oder Netzwerk wollen Verbindung und Vernetzung erleben.

Kultur der Rotation

Wo ehrenamtliches Tun eher schlecht als recht gemacht wird, die Unzufriedenheit bei Adressaten und den Engagierten selbst zunimmt, liegt es oft genug daran, dass jemand sein Ehrenamt viel zu lange innehat. Was mit Elan und Engagement begann, wurde zum Schrecken ohne Ende. Und wagt dann – meist viel zu spät – jemand ein offenes Wort, fordert also einen Ehrenamtlichen zur Beendigung seines Enga­gements auf, dann kann der dies eigentlich nur als mangelnde Wertschätzung von einem langjährigen und mühevollen Einsatz auffassen. Tief verletzt wird er oder sie den Platz räumen.

Weil dieses Phänomen nicht ganz selten ist, sollte es nicht mit Schuldzuweisungen individualisiert, sondern strukturell angegan­gen werden. Ehrenämter sollten zeitlich begrenzt sein. Dies kann durch Wahl oder Berufung oder Vereinbarung geschehen. Auf jeden Fall ermöglicht es für alle immer wieder einen Neuanfang, bringt Entwicklung anstatt Verkrustung. Ehrenamt braucht eine Kultur der Rota­tion. Im Übrigen ist es sinnvoll, wenn jemand, der im Auftrag einer Institution, einer Gemein­schaft tätig ist, dies nicht nur macht, weil er oder sie sich berufen fühlt, sondern weil er oder sie tatsächlich berufen wurde. Dies muss nicht für jedes Engagement gelten, aber sicher für Leitungs-Aufgaben. Eine „Demokratisierung“ des Ehrenamtes wertet die­ses auf – verhindert aber auch Ausnutzen und Abnutzen.

Vielfalt statt Einfalt

Mief in Vereinen und Organisationen hört dann auf, wenn Verschiedene mitmachen, wenn Vielfalt statt Einfalt das Ehrenamt kennzeichnet. Räume schaffen für das Ehrenamt heißt heute: Räume schaffen für verschiedenartige Menschen. Vielfältig denken und handeln, interdisziplinär, multikulturell und auch multireligiös; Engagement formieren aus Ehrenamt und Profis, Männern und Frauen, Jungen und Erfah­renen, fachlichen und sozialen Kompetenzen. Gemeinschaften, Einrichtun­gen und Verbände, die in diesem Sinn vielfältig sind, wirken auch effektiv.

Ehrenamtliches Engagement hat etwas Anarchisches

Im Gegensatz zu Unternehmen, die sich dem Markt beugen müssen, zu großen Institutionen, die auf Subventionen angewiesen sind und zu Behörden, die viele Vorschriften beachten, können Menschen in Vereinen und Verbänden frei ihre Überzeugungen und Interessen leben. Okay, sie müssen sich an Verfassung und Recht halten – aber das ist ein weiter Rahmen. Ehrenamtlich Engagierte bringen dabei die geordnete Welt der Beamten und Funktionäre durcheinander. Sie improvisieren, wo letztere professionell planen; sie ersetzen Systematik durch Leidenschaft, Zielorientierung durch Experimentieren, Management durch Visionen. Manches davon mag sich nicht bewähren und geht unter. Aber insgesamt geschieht so gesellschaftliche Entwicklung. Die zivilgesellschaftliche Vielfalt verdankt sich dem Enthusiasmus von Laienschauspielern und Hobbymusikern, von Sensiblen und Mitfühlenden im Blick auf Armut und Not. Die heute großen und auch mächtigen Wohlfahrtsverbände begannen irgendwann als Initiative einer Handvoll Frauen und Männern, die Probleme sahen, Ideen hatten und den Mut zum Handeln. Ehrenamtliches Engagement hatte immer schon etwas Anarchisches.

Handeln nicht Herstellen

Die Philosophin Hannah Arendt hat, inspiriert von den alten Griechen, zwei Aktionsformen streng unterschieden: Handeln (griechisch: Praxis) und Herstellen (griechisch: Poiesis). Letzteres geschieht im Handwerk, braucht Werkzeuge und Technik. Ersteres entsteht vor allem aus dem Gespräch zwischen freien Menschen, die sich treffen, um etwas Sinnvolles zu tun. Sie gründen damit Gemeinschaft (Polis), werden politisch aktiv. Welt wahrnehmen, miteinander reden, spüren, was jetzt ansteht, etwas Neues anfangen – das macht für Hannah Arendt Handeln aus.

Ehrenamtliches Engagement ist Handeln nicht Herstellen – auch wenn das eine oder andere Werkzeug gebraucht wird. Für die Herrschenden, auch für Liebhaber von Ordnung und Bürokratie ist das nicht immer bequem. Kein Wunder, dass sie versuchen es einzuhegen durch Vorgaben und Richtlinien, neuerdings etwas subtiler durch Engagement-Förderung und Ehrenamts-Koordination. Weiterführend wäre eher, das vielfältige Wissen der Ehrenamtlichen fruchtbar zu machen. Partizipation statt Förderung wäre dann das Schlüsselwort. Nicht durch Studien und Gutachten eher durch Workshops oder durch einen „Rat der Weisen“ (durch Los bestimmt) aus Ehrenamtlichen.

In der Moderne wird Handeln im Geist Hannah Arendts mehr und mehr durch den Modus des Herstellens ersetzt: Management-Instrumente, Regulierungswut, dicke Handbücher mit Qualitäts-Standards, Dokumentationspflichten, eine sich laufend steigernde Bürokratisierung. Für ehrenamtlich Engagierte ist das eine unsinnige Belastung und nicht wenige werfen deshalb das Handtuch.

Gerade eine moderne Gesellschaft mit enormer Komplexität muss das Fachwissen von Experten durch das Erfahrungswissen von an der Basis Tätigen ergänzen. So entsteht kollektive Intelligenz. Für jede Organisation und für die Gesellschaft insgesamt sind die ehrenamtlich Engagierten ein unendlich großes Wissens-Reservoir. Zentralisierung von Macht und hierarchische Strukturen verhindern genau das.

 

Meinrad Bumiller

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